imnamendeslachses

IM NAMEN DES LACHSES

Wie ein Speisefisch und Brehms Tierleben den Sprachforschern halfen, die Urheimat der Indogermanen zu bestimmen

Vielen Professoren schien es so einfach: Da, wo der Lachs lebte, hat er auch seinen Namen bekommen. Doch nach einem Jahrhundert wissenschaftlicher Debatten war klar: Da, wo er erstmals seinen Namen bekam, lebten keine Lachse – sondern Forellen.

Von Dietmar Bartz
Foto: U.S. Fish & Wildlife Service, WO4846-highlights, Autor William W. Hartley. Lizenz: cc-by-sa

Die Herren Universitätsprofessoren stritten höflich und ironisch, arrogant oder unversöhnlich. Otto Schrader über Hermann Hirt: „Wie kann ein Autor so von allen guten Geistern verlassen sein, um solchen Widersinn zu Papier zu bringen?“ Willy Krogmann über Robert Heine-Geldern: „Ein Einfall ohne jeden Anhalt.“ Franz Specht über Julius Loewenthal: „Nichts weiter als ein blosser Versuch“. Vittore Pisani: „Da brauchen wir nicht mal drüber zu reden.“ Richard Diebold: „Beinahe ein Märchen.“ Walter Porzig über Paul Thieme: „Eine kühne Vermutung, doch nicht tragfähig genug.“ Und Thieme zurück: „Es ist nicht die Schuld des Pfostens, wenn der Blinde ihn nicht sieht.“

Die Gelehrten, allesamt Sprachforscher, schrieben über einen Fisch – den Atlantischen Lachs, Salmo salar. Mit seiner Hilfe wollten sie die (für sie) wichtigste Frage des 20. Jahrhunderts lösen: Woher stammen die Indogermanen? Wo haben sie vor 5.000–6.000 Jahren gesiedelt, bevor sie in alle Himmelsrichtungen aufbrachen? Im nördlichen Mitteleuropa, wie es die Nazis gerne gehabt hätten? Im unübersichtlichen Donau- und Balkanraum? Oder kamen die Indogermanen gar aus der südrussisch-kasachischen Steppe, also fast aus Asien?

Für die Bestimmung der „Urheimat“, darüber waren sich alle Beteiligten einig, war der Lachs der Schlüsselfisch. Denn der Name Lachs kommt in mehreren indogermanischen Sprachen vor. Er ist zwar zu unterschiedlich, um voneinander entlehnt zu sein, aber ähnlich genug, um auf eine gemeinsame Wurzel zurückzugehen. Im germanischen Sprachzweig heißt Lachs althochdeutsch lahs, altenglisch leax, altnordisch lax. Im Baltischen lautet der Fischname litauisch lašiša und lettisch lasens, im Slawischen schließlich russisch losos und polnisch łosos.

„Menschen können nur das mit einem Wort bezeichnen, was sie kennen“ – was heute banal erscheint, hatte erst 1877 ein Linguist formuliert. 1883 zog Otto Schrader, ein ehrgeiziger 28-jähriger Gymnasiallehrer in Jena, daraus die entscheidende Schlussfolgerung: Die Indogermanen mussten ursprünglich dort gelebt haben, wo es den Lachs gab, „der nach Brehms Tierleben nur in den Flüssen der Ostsee, Nordsee und des nördlichen Eismeers vorkommt.“

Beifall erhielt Schrader sofort aus der rechten deutschen Ecke. Er hatte den „nationalen“ Wissenschaftlern einen Beweis für die nordischen Wurzeln der Indogermanen geschenkt. Der berüchtigte Anthropologe Karl Penka, der „Sprache“ und „Rasse“ gleichsetzte und die Indogermanen bereits zum „arischen Urvolk“ erklärt hatte, steuerte zum Lachsargument noch die Gegenprobe bei: Wo es den Lachs nicht gab, aber eine indogermanische Sprache gesprochen wurde – Latein, Griechisch, Persisch –, existierte auch kein „Lachswort“.

Dennoch vermuteten viele Sprachforscher, darunter auch Schrader, die Urheimat weiter in Südosteuropa oder Eurasien. Ihnen war aufgefallen, dass es, von den Lachswörtern abgesehen, den indogermanischen Sprachen quer durch alle Zweige an gemeinsamen Fischnamen mangelte. Slawisch ryb, griechisch ichthýs – sogar eine übereinstimmende Bezeichnung für Fisch fehlte, obwohl diese bei einer Urheimat an der Ostsee eigentlich zu erwarten wäre. Ein deutlicher Hinweis auf die Herkunft der Indogermanen aus wasserarmen Gebieten – der Steppe vielleicht? Deswegen jedenfalls hielt Schrader das Lachswort für „nur“ west-indogermanisch. Es sei zwar an den Lachsflüssen und noch zur Zeit der indogermanischen „Gemeinsprache“ entstanden, aber erst, nachdem sich die Indogermanen bereits von Südosten Richtung Ostsee auszubreiten begonnen hatten.

Lag die Urheimat nun am Meer oder in der Steppe? Mit allem Scharfsinn reklamierten beide Seiten das Lachsargument für sich. Ein Patt.

Abermals sorgte Schrader für Bewegung. 1908 entzifferten deutsche Forscher auf Schriftrollen zwei neu entdeckte, eng verwandte indogermanische Sprachen, die sie Tocharisch A und B nannten. Sie wurden 600–800 n. Chr. im heutigen Nordwest-China verwendet. 1911 erfuhr und veröffentlichte Schrader, dass auch Tocharisch B über ein Lachswort verfügte: laks. Das bedeutete dort allerdings „Fisch“.

Damit war zunächst der ur-indogermanische Charakter des Lachswortes offensichtlich – Schraders „west-indogermanische These“ war wegen des Vorkommens im Fernen Osten vom Tisch. Außerdem aber stand das tocharische Wort laks den germanischen Bezeichnungen wie lahs oder lax lautlich sehr nahe. Otto Schrader hatte sich einmal darüber belustigt, dass Hermann Hirt, einer der führenden Indogermanisten seiner Zeit und überzeugter Nationalist, die Urheimat der Indogermanen genau zwischen Oder und Weichsel verortet hatte. Jetzt konterte Hirt: „Es ist demnach eine durch die Tatsachen widerlegte Behauptung von O. Schrader und anderen, dass die Indogermanen die Fische nicht beachtet hätten.“ Nutznießer waren die Nazi-Anthropologen: Sie konnten die Siedlungsgebiete ihrer „volklichen Urrasse“ für Großdeutschland reklamieren. Zugleich gerieten die Germanen zu den „unmittelbaren und edelsten“ Nachkommen der Indogermanen.

Aber wie kam ein Lachswort aus den ostdeutschen Weiten in eine chinesische Wüste? Kamen die Tocharer aus Mitteleuropa? Durch die slawische losos-Zone? Um dies zu erklären, entstanden die abenteuerlichsten Thesen. Noch 1951 spekulierte der österreichische Archäologe Robert Heine-Geldern, einzelne germanische Stämme seien mit den Tocharern von einem unbekannten Ort losgezogen; bei laks habe es sich um ein Lehnwort aus dem Germanischen gehandelt. Nur übersah Heine-Geldern, dass in diesem Fall die Germanen sicherlich ihr Fisch-Wort fisk an die Tocharer abgegeben hätten.

Derweil füllte sich die Landkarte mit immer mehr Lachswörtern. Der Norweger Georg Morgenstierne hatte bereits 1934 im Kaukasus ein weiteres Lachswort gefunden: läsäg. Es entstammt dem digorischen Dialekt des Ossetischen, das wiederum zu den iranischen Sprachen gehört. Auch das Armenische, ebenfalls indogermanisch, vergrößerte die Familie: mit losdi, wobei die Endung -di für „Körper“ steht. Gleich drei Lachswörter im altindischen Sanskrit wurden von dem in Halle lebenden Indologen Paul Thieme proklamiert. Zwar widerlegten Thiemes Fachgenossen zwei davon recht schnell. Doch das dritte hielt sich bis in die Siebzigerjahre in der Fachliteratur: altindisch laksa, zunächst „unübersehbare Menge“, dann das Zahlwort „100.000“ bedeutend, sollte einen fernen Reflex auf die gewaltigen Lachsströme der einstigen mitteleuropäischen Urheimat darstellen.

Nach dem 2. Weltkrieg gehörte die Beschäftigung mit den Indogermanen – den Indoeuropäern, wie sie seither auch im Deutschen oft heißen – zu den unbeliebtesten Wissenschaften. Die Indogermanistik hatte den Nazis eine völkisch zurechtgebastelte Frühgeschichte geliefert, ihre eigene Sprachforschung als Rassenlehre diskreditiert, und viele Professoren waren selbst Nazis gewesen. Doch noch immer war ihr Lachsargument unwiderlegt. Ein kleiner Fehler sollte schließlich die Lösung des Rätsels bringen.

Thieme, der Professor aus Halle, hatte 1954 das ossetische läsäg als Verkleinerungsform bezeichnet. Im Kaukasus, argumentierte er, gebe es keinen Lachs – das Wort bezeichne eine Forelle, und die Einwanderer hätten diesen Fisch „mit dem aus der einstigen Heimat noch bekannten“ Wort als „Lächschen, kleiner Lachs“ bezeichnet. Falsch, sagte 1960 Willy Krogmann, Altertumskundler in Hamburg. Die kaukasischen Forellen im Fluss Terek, der durch das Sprachgebiet der Osseten strömt, könnten bis zu 40 kg erreichen und damit so schwer werden wie die Lachse. Denkbar sei also, dass der Lachs der Ostsee seinen Namen von einem „ähnlichen Fisch“ übertragen erhalten habe.

Den zweiten Schritt tat zehn Jahre später der US-amerikanische Tocharist George Sherman Lane. Er stellte das Lachsargument mit dem Satz in Frage: „Nach meiner Meinung bezog sich der fragliche Name vielleicht ursprünglich überhaupt nicht auf Salmo salar, sondern auf Salmo trutta caspius der nordwestlichen Kaukasusregion.“ Die Kaspische Forelle geriet in den Fokus der Linguisten.

Der dritte Schritt erfolgte 1976. Der Anthropologe A. Richard Diebold untersuchte systematisch alle Lachsartigen (Salmonidae) der Region und strich Lanes zaghaftes „Vielleicht“: Die Indogermanen meinten mit ihrem Lachswort nicht den Lachs, sondern die Meerforelle (Salmo trutta) oder zwei ihrer Unterarten, die Schwarzmeer- und die Kaspische Forelle. Denn diese Fische kommen nicht nur im Kaukasus, sondern auch in den großen Flüssen vor, die aus dem Steppenland von Norden ins Schwarze und ins Kaspische Meer münden. Damit, besonders charmant, passt die linguistische Theorie auch noch zu archäologischen Funden, die die Urheimat der Indogermanen in der Steppe nahelegen.

Welche der Forellen genau die Indogermanen mit loks bezeichnet hatten – der Binnenvokal o wandelte sich erst später zu a –, ist unbekannt. Als sie nach Nordwesten aufbrachen, nahmen sie jedenfalls ihr Lachswort mit und übertrugen es nach ihrer Ankunft im Ostseeraum auf einen für sie neuen, ähnlichen Fisch: den Lachs. Mehr als 100 Jahre, nachdem Otto Schrader erstmals das Lachsargument genannt hatte, drehte es Diebold 1985 ironisch in sein Gegenteil: Die Urheimat der Indogermanen könne nur dort liegen, wo es keinen Lachs gab.

Jetzt konnten die Sprachforscher auch weitere, noch fehlende Teilchen in ihr Puzzle einfügen, zum Beispiel die ursprüngliche Bedeutung von Lachs. Nachdem die Urform loks feststand, schieden viele durchaus ernsthafte Erklärungen aus, die nicht zu den vorhandenen Wörtern passten. Verworfen wurden „der Rote“ (von altindisch láksa „roter Lack“, wegen der Farbe des Fleisches vorgeschlagen), „der Springer“ (von indogermanisch lek „Beuge, Windung“, wegen der Fortbewegung des Lachses) und „der Fängling“ (von indogermanisch lakhos „Fang“ wegen seiner Bedeutung für die Ernährung). Für die meisten Wissenschaftler bedeutet der Fischname „der Getupfte“ (zu litauisch lašas „Tropfen“ und lettisch lasains „punktiert, gesprenkelt“).

Die Sprachforscher waren erneut elektrisiert: Warum sollten sich die Indogermanen bei ihren weiten Wanderungen darauf beschränkt haben, loks nur auf den Lachs zu übertragen? Vor allem über die romanischen Sprachen brach eine regelrechte Spekulationswelle herein. Von Diebold kam der Vorschlag, auch den Europäischen Schlammpeitzger (Misgurnus fossilis) aufzunehmen: Er heißt italienisch locca, französisch loche, englisch loach, provenzalisch loco und spanisch loja. Eifrig beteiligte sich der Brite Stuart E. Mann bis in die Achtzigerjahre: Was war mit italienisch lasca „Plötze“ und laccia „Alse“? Mit sardisch laccia „Gründling“? Schon 1943 hatte der Linguist selbst die Basken mit ihrer geheimnisvollen Sprache herangezogen, deren unklare Herkunft für jede Spekulation gut ist. Bei ihnen heißt ein kleiner Hai lac.

Aber selbst wenn es Lachswörter nun in ganz Europa gab – nicht überall in Europa hieß der Lachs so. Die Indogermanen verdrängten durch ihre Ausdehnung zwar allmählich die alteuropäischen Sprachen, aber zwei Bezeichnungen überlebten. Irisch eo, iach, walisisch ehawc und bretonisch eok gehen auf ein Wort zurück, das lateinisch esox hieß.

Die andere Wortfamilie, die nicht von den Indogermanen stammt, aber den Lachs meint, hat sich besser gehalten. Lateinisch salmo verbreitete sich über das Mittelmeer und entlang den europäischen Westküsten und wurde zu italienisch salmone, französisch saumon, englisch salmon, niederländisch zalm und deutsch Salm – am Rhein; weiter östlich beginnt das Lachs-Land. Bei der Wortgruppe um salmo und das verwandte salar liege wohl „eine alte Fischbezeichnung Westeuropas und Nordafrikas“ vor, meint der Schweizer Sprachgeograf Heinrich Wagner. Auf den Balearen im Mittelmeer ist eine alte Variante salpa belegt. Salar ist auch mit dem berberischen aslem „Fisch“ verwandt, das in einem heute in Algerien gesprochenen Dialekt šalba lautet.

Zwar ist die Herkunft der Lachswörter von der Meerforelle gesichert, doch einige Rätsel bleiben. Warum verallgemeinerten die asiatischen Tocharer ihr laks zu der Bedeutung „Fisch“? Geht das altindische Zahlwort laksa „100.000“ wirklich auf das Urwort loks zurück? Und gibt es irgendeine historische Verbindung mit der Kaulquappen-Hieroglyphe hfn aus Altägypten, die sich ebenfalls von einem Wassertier ableitet und 100.000 bedeutet? Es darf spekuliert werden.

Eine enzyklopädische Fassung dieses Artikels hat der Autor in der Wikipedia unter dem Stichwort Lachsargument veröffentlicht.