KLEINE WORTKUNDE TIERISCHER BEGIERDE

von Dietmar Bartz

Brunft

In die Brunft geraten alle jagdbaren Horn- und Geweihträger von der Gämse bis zum Widder und vom Elch bis zum Reh. Alle gehören zum Schalenwild (nach den Hufen, die bei Jägern „Schalen“ heißen). Zu diesem wird auch das Wildschwein gerechnet, das es aber zu einem eigenen Wort gebracht hat: Es rauscht oder rollt, wenn seine Zeit gekommen ist. Wobei – wie bei allen Begriffen der Jägersprache – auch regionale Abweichungen möglich sind. Und zeitliche: Bis ins 16. Jahrhundert hieß die Brunft des Hirsches auch Balz.Das Taschenwörterbuch der Jägersprache von 1840 definiert „Brunft“ hübsch knapp: „a. die Begierde zur Begattung, b. die Begattung selbst.“ Das Wort geht zurück auf breman, das althochdeutsche Verb für „brummen, brüllen“. Im 13. Jahrhundert war „Brunft“ bereits etabliert, aber die alte lautliche Verwandtschaft ist noch heute an der verbreiteten Aussprache „Brumft“ zu hören.

Brunst

Auch die Brunst bedeutet Paarungszeit, -trieb, -bereitschaft, mit etwas weniger Akzent auf der Paarung selbst. Die Bezeichnung stammt vielleicht aus der mittelalterlichen Bauernsprache. Sie geht auf althochdeutsch brunst „Brand, Glut, Hitze“ zurück; Hitzewörter dienen häufiger als Bezeichnung für die „geschlechtliche Erregung von Tieren“, wie das Etymologische Wörterbuch der Deutschen Sprache weiß. Aus der ganzen Brunst-Wortfamilie haben sich sonst nur „Feuers-“ und „Inbrunst“ erhalten.

Die beiden so ähnlichen Wörter „Brunft“ und „Brunst“ haben sich in ihrer Entwicklung auch gegenseitig beeinflusst. „Brunst“ gilt Linguisten aber als etwas nachgeordnet, denn sein Ursprungswort hat einen Bedeutungswandel durchgemacht. „Brunft“ ist somit quasi authentisch.

Balz

Auch mit dem Wort Balz – für die Brunft des Federwildes – haben Sprachforscher ihre Probleme. Bis ins 19. Jahrhundert traten zudem die Formen Valz, Falz, Pfalz oder Palz auf. Liegt ihnen die Form „Balz“ zugrunde, könnte eine Verwandtschaft mit Bolzen und der vermuteten indoeuropäischen Wurzel *bheld- „pochen, schlagen“ vorliegen. Vielleicht, so das Etymologische Wörterbuch des Deutschen, geht das Wort aber auch wie Filz auf indoeuropäisch *pel- zurück, das „stoßend oder schlagend in Bewegung treiben“ bedeutete.

Ranz & Co

Mehrere Brunft-Bezeichnungen aus dem Haus- und Stalltierbereich erklären ihre Herkunft von selbst, etwa rossig von Pferden, bockig von Ziegen, bullig von Rindern, läufig von Hunden und rollig von Katzen. Enten reihen, wenn Erpel schnurgerade hinter der Ente herfliegen. Die Jägersprache hat ihre Begriffe wiederum stärker entwickelt: Haarraubwild – dazu gehören beispielsweise Fuchs und Marder – ranzt. Das kommt nicht vom Geruch, sondern gehört zu rangen, ranken „sich hin- und herwenden.“ Die Männchen von Hase und Kaninchen rammeln, was mit rammen verwandt ist und von althochdeutsch rammo gleich „Bock“ stammt – die Bedeutung „streng riechendes Tier“ könnte mit altnordisch ram(m)r für„kräftig, scharf, bitter“ zusammenhängen.

Auch jenseits der deutschen Sprachgrenzen pflegen Tiere zu brunften. Die Engländer nennen es to rut, Franzosen bezeichnen den Zustand en rut. Beides geht auf lateinisch rugire zurück, was „brüllen“ heißt, ebenso wie altindisch ravati und altkirchenslawisch ruti. Das verwandte polnische rujka bezeichnet wieder den Brunftschrei des Hirsches. Dem Etymologen Julius Pokorny zufolge geht das alles zurück auf eine mutmaßliche indogermanische Schallwurzel *reu-, die „brü̈llen, heisere Laute ausstoßen“ bedeutet hat.

Den sprachmächtigsten Eindruck in der mitteleuropäischen Kulturlandschaft hat aber doch der Hirsch hinterlassen. Den Tschechen hat seine Brunft einen ganzen Monat beschert, denn der Oktober heißt bei ihnen ríjen. Darin scheint noch das alte Verb rvát auf – „brüllen.“