diekleinetierfreundin

DIE KLEINE TIERFREUNDIN


In Zoón Nr. 4 nahm unser Autor Uli Hannemann als „der kleine Tierfeind“ Katzen und ihre Besitzer satirisch auf’s Korn. Nun erreichte uns eine sehr schöne Widerrede unserer Leserin Gertraud Pickel, sozusagen als „die kleine Tierfreundin“, die wir Ihnen natürlich nicht vorenthalten wollen:

Wenn ich zu einer Schublade meines schönen, alten, zuweilen recht widerspenstigen Kleiderschranks sage: „Vielleicht gehst du jetzt mal zu!“, dann hört sie nicht auf mich. Das kann sie nicht. Höflichere Versuche wie: „Wären Sie so freundlich, sich schließen zu lassen?“ erübrigen sich also. Dafür gibt der laut ausgesprochene Satz mir eventuell die Kraft, der Lade den entscheidenden Schub zu verpassen.

Vermutlich sind Diskussionen mit Schrankteilen keine Konstante im menschlichen Verhalten. Dass es aber viele User gibt, die niemals ihren Rechner beschimpfen, das glaube ich schlichtweg nicht. Solche Attacken prallen nur meist am völlig unschuldigen Bildschirm ab. Die lahmen Prozessoren und die hinterlistige Software haben sich gleich zu Anfang mitsamt ihrem Kasten unter den Schreibtisch verzogen.

Anders als häufig angesprochene Dinge haben Haustiere in der Regel Ohren. Sicher steht die begrenzte Fähigkeit von Hominiden zur Unterwasserkommunikation einer Plauderei mit Schleierschwänzen oder Weichschildkröten im Weg. Wer eine Boa als Wohngenossin bevorzugt, muss auf den Boden stampfen, damit sie ihm ihr Innenohr leiht. Niemand wird mich jedoch davon überzeugen, dass die Mahnung „Nase aus dem Kühlschrank“ im Gehirn eines Vierbeiners nicht das kleinste Gespür aufkeimen lässt, worum es eigentlich geht. Wenn das Tier sich wie ahnungslos benimmt, beweist das gar nichts. Beim Ruf „Futter!“ klappt die Verständigung jedenfalls ausgezeichnet.

Zugegeben, die Wortwahl ist beliebig. Mit derselben Lockung, dem selben Nachdruck ausgesprochen, hätte „E = mc2!“ dieselbe Wirkung. Bloß kommt das den Menschen in dieser Situation gerade nicht in den Sinn. Überhaupt könnte auf Worte verzichtet werden; ein Schnalzen respektive Fauchen oder ein Klaps würden genügen. Aber das fällt uns schwer. Wer einmal gelernt hat zu sprechen, ist süchtig, der Sprache verfallen. Darum sollten wir uns die Geschwätzigkeit verzeihen, selbst wenn sie sich an Tieren austobt.

Bleibt die Sehnsucht nach Antworten. Die der menschlichen Gesprächspartner liegen oft daneben, mit einer Spanne von haarscharf bis galaxienweit. Würde das Tier vor dem Kühlschrank brummen: „Halt die Schnauze und rück die Wurst raus“, wären wir konsterniert. Und wozu umständlich etwas formulieren, was offen auf der Pfote liegt? Innere Monologe drehen sich gern in Spiralen und Kreisen. Daher basteln sehr kluge Leute an ziemlich gescheiten Maschinen, die sich vernünftig unterhalten können. Viel-leicht werden diese Computergenerationen uns das Gegenüber stellen, das wir so drin-gend bräuchten.

Gar kein Problem wäre es, technisch gesehen, schon jetzt, Autos beizubringen, dass sie das nervtötende Quäken unterlassen, mit dem sie Annäherungen von Unbefugten quittieren. Stattdessen könnten sie die Scheibenwischer heben und sagen: „Bleiben Sie mir vom Lack!“ Da rede ich doch lieber mit Katzen.