singlesanderleine

SINGLES AN DER LEINE

„Einen Hund schaffte ich mir an, als die Katze gestorben war. Dass zu meinem Leben Mann und Kind gehören sollten, war genauso klar. Aber das kam nach dem Hund alles von allein.“

Eine Erzählung von Kirsten Fuchs

Ich habe meinen damalig zukünftigen Hund im Tierheim kennengelernt. Ein heißer Sommertag. Liebe auf den ersten Blick. Er hat mir die Pfote durchs Gitter gestreckt und aufmerksam sein Knickohr nach dem Geräusch eines Traktors gedreht, der über ein entferntes Feld fuhr.

Ich habe meinen damalig zukünftigen Mann im Park kennengelernt. Ein kalter Herbsttag. Liebe auf den ersten Blick? Nicht ganz. Er hat mir seine Hand hingehalten und danach auf mich eingeredet. Ich habe meinen Kopf schief gelegt.

Mein Hund hat seine Hündin angebaggert. Kolja und Jule waren sofort so ein Traumpaar wie alle Rüden und Hündinnen, die sich mögen. Eine von hundert großen Lieben.

Von Hunden lernen heißt baggern lernen. Zumindest auf die Proll-Art. Der Rüde stellt sich ü̈bercharmant und breitbrüstig hin, wedelwedelwedel. Die Hundedame ziert sich, aber auch nicht, ziert sich, aber auch nicht, beißt, geht aber nicht weg, dreht sich um, „komm doch mit“, dreht sich wieder um, „komm doch mit“, beißt, lässt ran. Ein Welpe namens Bingo entsteht.

So direkt sind Menschen selten. Höchstens in Darkrooms und Swingerclubs. Sonst sagen sich die Menschen vorher ihre Namen und alles mögliche andere, bevor sie ihr Analgesicht beschnuppern, wie es bei Hunden so schön heißt. Wenn Hundebesitzer sich kennenlernen, sagen sie sich alles andere als ihre Namen, sie sagen sich die Namen ihres Hundes. Für normale Gassitreffen reicht dieses Wissen, denn der Mensch wird einfach nach seinem Hund benannt. Wenn sich Hundebesitzer ihre Namen sagen, werden sie automatisch adelig, denn dann heißen sie Stephan von Kaja oder Tom von Heiner.

Mein damalig noch zukünftiger Mann, den ich durch meinen Hund und meine damalig noch zukünftige Hündin kennenlernte, sagte mir sofort seinen Namen. Damit war es offensichtlich, dass er baggerte. Ich sagte ihm auch meinen Namen, aber nur, weil er mir seinen gesagt hatte. Ich war damals in einer Beziehung.

Mein zukünftiger Mann gab mir sogar seine Telefonnummer. Das ist unter Nachbarn unüblich. Man trifft sich eh wieder. Er baggerte also übermäßig. Er sagte mir später, er habe garüberhauptnicht gebaggert, weil ich ihm gut gefallen hätte. Er habe einfach das gemacht, was er immer mache.

Seine Jule hat eine Ausbildung als Streicheltherapiehund, als Lawinensuchhund und als Fusselmeisterin mit Kulleraugen im Speziellen. Jule macht immer einen guten Eindruck. Juleherrchen darum auch. Viele Frauen haben neurotische, bekloppte Hunde, Tierheimwauwies oder Selbstverzogene, und was ist dankbarer als eine Frau, die Hilfe braucht und welche bekommt? Und was ist glü̈cklicher als ein Mann, der Ratschläge geben kann? Das ist ein Flirttipp: Habe eine gut erzogene Hündin!

Wie’s Frauchen, so’s Wauwauchen. Bei Männern natürlich auch. Zum Beispiel Torsten kann nicht so mit anderen Männern, aber Frauen mag er gerne. Er möchte gern viel schmusen und muss noch ganz viel lernen. Wer gibt ihm eine Chance?

Ich rief Juleherrchen also an, aber nur weil Kolja Jule so mochte. Ohne Hunde wäre es Flirten gewesen, ein Date, noch eins und noch eins, am verschneiten Kanal, über den Friedhof, Coffee to Gassi. Halbes Fremdgehen wäre es ohne Hunde gewesen, aber mit Hund durfte ich fremdgassigehen, wie ich wollte. Kolja bemühte sich um Jule. Jule war alt und führte ihn in die Liebe ein. Wir standen daneben und feixten. Das war in all seiner Handfestigkeit romantisch.

Im Winter hatte ich kalte Hände, und beim Feuergeben ergab sich ein ganz hundebekannschaftstypisches Händewärmen. Ganz harmlos. Wir brachten uns abwechselnd nach Hause. Ich hatte nie Handschuhe, immer vergessen. Auch nie ein Feuerzeug, immer vergessen.

Na klar, man kann als Hundebesitzer besser flirten. Solo oder in Beziehung. Man ist draußen und man hat jemanden bei sich, der sich zumindest in den ersten Lebensjahren für alles und jeden interessiert, der so niedlich ist, dass die Menschen gleich in die Knie gehen und mit dir sprechen. Oder wie ein bekannter Schlagertitel heißt: Ein Hund kann eine Brücke sein.

Angeblich gibt es Männer, die sich immer wieder neue Welpen anschaffen und abschaffen, wenn diese keine Mädels mehr zum Knien bringen. Das ist aber nicht Flirten mit Hund, das ist Dreckskerl sein. Darum ist das kein Flirttipp von mir. Wer aber sowieso gerade einen Welpen hat und einen Partner sucht, der hat erst mal alle Chancen.

Hunde sind so drauf zu. So großartig, und das habe ich wirklich gut empirisch recherchiert: Hunde sind großartig! Man lernt mehr Menschen kennen als mit einer Katze. Katze ist was für einsame Stubenhocker, Hund für Outdoorleute, frische, junge, aktive Menschen, schlank, weil sie jeden Tag mindestens dreimal mit dem Hund raus müssen. Sie können streicheln, sich klar ausdrücken, sind bindungsfähig, spielen gern. So sieht zumindest der perfekte Hundebesitzer aus Hundesicht aus.

Der Katze mag ein sinnlicheres Image anhaften als dem Hund, aber das alles nur auf dem Sofa, und wen soll man schon auf dem Sofa kennenlernen? Sich selbst? Die Katze schon wieder? Eine Tafel Schokolade? Seine neuen Pfunde?

Als Koljafrauchen solo wurde, hatte Juleherrchen eine Beziehung. Wir sahen uns weniger.

Ich lernte beim Gassigehen oft Männer kennen, die mich wiedersehen wollten und ich sie nicht. Es ist unmöglich, solchen Menschen aus dem Weg zu gehen, denn die Hunde wollen sich treffen und beschnuppern. Da steht man dann.

„Woll’n wir mal wieder ’ne Runde zusammen machen?“

„Ja, nee, mein Hund hat jetzt ein Hundeklo.“

Der Nachteil am Kennenlernen mit Hund im Revier ist, dass man sich nie wieder los wird, bis der Hund stirbt. Es gibt ein paar Hundebekanntschaften, denen mein Mann bis heute aus dem Weg geht. Die Spitzfrau – ich frag lieber nicht.

Die Hundepaare passen oft zusammen wie ihre Hunde, Weibchen-Männchen, zwei Mixe oder zwei Boxer. Boxer spielen anders als Schäferhundmixe, also spielen Boxer gerne mit Boxern und Schäfermixe mit Schäfermixen. Mischling sagt man nicht mehr, aber jetzt nach Mixa sagt man möglicherweise auch nicht mehr Mixe. Man sagt Kindeli, Kind der Liebe.

In Internet-Foren für Single-Hundebesitzer kann man andere Single-Hundebesitzer suchen. Das ist doch wieder fünf Schritte zurück. Im Internet kann man auch ohne Hund einen Partner suchen. Man muss sich nur nicht fragen, was man beim ersten Date macht. Gassi gehen. In meinen oder in deinen Park?

Wenn man Hunde fragen würde, ob man mit Menschen gut Hunde kennenlernen kann, wäre die Antwort auf jeden Fall: ja. Aus Hundesicht sind die Menschen, was ihre Artgenossen angeht, im Vollziehen einer Neigung (Zu- oder Ab-) die lahmste Spezies in der Geschichte der Parkanlagen. Sogar Schnecken können schneller übereinander kriechen.

Zwei Jahren nach dem Kennenlernen waren Juleherrchen und Koljafrauchen zeitgleich solo und brachten sich nicht nur bis zur Haustür. Die Hunde atmeten erleichtert auf. Boah, hatten sie es endlich geschafft. Und bingo! hatten wir auch bald den Welpen. Einen Menschenwelpen, denn Jule ist inzwischen alt und Kolja längst kastriert. Ein echtes Kindeli. Wir sind ein Rudel geworden. Unter dem Tisch drei Vierbeiner, von denen einer bald zu den Zweibeinern wechseln wird. Aber das ist eine andere Geschichte. Jetzt lernen wir auch mehr Eltern kennen als Hundebesitzer. Und das ist noch eine ganz andere Geschichte.