hundeleben

HUNDELEBEN

Wie der angeblich beste Freund des Menschen vergöttert und verhätschelt, kaputtgezüchtet und ausgenutzt, zur Schnecke und zum Affen gemacht wird – Robert Saemann-Ischenko spürt in einer Artikelreihe in ZOÓN dem schwierigen Verhältnis zwischen Hund und Mensch nach.

Als der Kameruner Völkerkundler Flavien Ndonko in den Jahren 1990 bis 1993 Deutschland besucht, wundert er sich über vieles. Am meisten aber darüber, wie die Eingeborenen hier mit ihren Hunden umgehen: „Hunde sind in der deutschen Öffentlichkeit allgegenwärtig. Sie bellen, wie es ihnen gefällt, werden von ihren Herren getragen, geschmückt und sogar geküsst.“  Der Afrikaner beschließt, sich dem Thema wissenschaftlich zu nähern. Doch die meisten deutschen Hundeleute wollen seine Fragen nicht beantworten; viele bescheiden ihm knapp, er solle sich lieber um hungernde afrikanische Kinder kümmern. Erst als Ndonko ein Zimmer bei einer deutschen Familie nimmt und deren Dogge Boris ausführt, klappt es mit den Kontakten und damit der Studie „Hunde in Deutschland. Ein Beitrag zum Verstehen deutscher Menschen“. Deren erstauntes Fazit: „Viele Deutsche haben zu ihren Hunden eine innigere Beziehung als zu anderen Menschen.“

Jetzt, etwa 20 Jahre später, muss man feststellen: Das war noch gar nichts, das war sozusagen die Steinzeit der Hunde-Vermenschlichung. Inzwischen ist die Entwicklung abgeschlossen: Hunde werden nicht mehr nur wie Menschen behandelt, sondern haben Partner, Eltern, Kinder, Freunde in vielen Fällen schon ersetzt; sie sind Lebensinhalt; oft der einzige. Mit fatalen Folgen für beide Seiten: Der Mensch verliert sich zunehmend in einer Nähe, die nur noch er selbst für Tierliebe hält – die tatsächlich aber das ist, was der Verhaltensforscher Konrad Lorenz „soziale Sodomie“ nannte. Und der Hund wird nicht nur vermenschlicht und vergöttert, sondern zugleich merkantilisiert, banalisiert und instrumentalisiert, überfüttert und unterfordert, kaputtgezüchtet, zu Grunde versorgt, verkannt, verhätschelt, vernachlässigt; nicht aber: erzogen. Dr. Feddersen-Petersen von der Universität Kiel, Deutschlands führende Hundeforscherin, drückt es so aus: „Kein anderes Haustier wird so sehr mit Gefühlen überfrachtet, überhaupt so unsachlich betrachtet, falsch gehalten und würdelos behandelt wie der Hund.“  
Natürlich gibt es noch gesunde Rassen und ehrliche Züchter, gescheit sozialisierte Welpen und kundige Halter, kurzum: Hunde, die ernstgenommen, bewegt, begrenzt, weder zur Schnecke noch zum Affen gemacht werden; und einfach so sterben dürfen, nachdem sie ein Hundeleben lang glücklich waren und gemacht haben. Nur sind sie inzwischen die große Ausnahme. Hier ist die Rede von den anderen: Denn irgendetwas geht bei fast jedem Hund schief, bei den meisten sogar einiges und bei gar nicht so wenigen alles.


Teil 1: „Das teure Leben der Feinschmecker-Hunde“: Um den geliebten Vierbeinern das Leben so schön wie möglich zu machen, geben ihre Halter immer mehr Geld für immer ausgefallenere „Speisen“ aus. Sogar veganes Hundefutter gibt es schon.

Der Titel eines Threads bei Tierforum.de lautet „Essen für Hunde“, obwohl doch schon Vierjährige voller Stolz aufsagen können: Menschen essen, Tiere fressen. Es ist kein Zufall, dass der Hund auch sprachlich auf Menschen-Niveau befördert wird; und kein Wunder, dass dies beim Thema Fressen passiert. Denn zwar schlingt der Hund wie eh und je in Sekundenschnelle alles herunter, was er in seinem Napf findet (sowie in beeindruckender Unbeirrbarkeit von Aas bis Hasenkötteln all das, was ihm auf Spaziergängen vor die Schnauze kommt), aber dort landet eben kein nur anständiges Futter. Denn es geht beim Füttern nicht mehr allein darum, dem Hund eine ausreichende Menge Nährstoffe zuzuführen, es geht längst darum, emotionale, ernährungskundliche und monetäre Hingabe zu demonstrieren. Kurzum: Beim Thema Hundefutter dreht es sich nicht mehr um den Hund, sondern um seinen Halter.

Was beispielsweise trinkt denn so ein Hund – einfach Wasser? Weit gefehlt. Wer seinen Hund wirklich liebt, lässt ihn das spezielle „MultiFit-Hundewasser mit einer Extra-Portion Sauerstoff“ saufen. Alternativen: das „Schwanzwedler-Bier mit Rindfleischextrakt und Gerstenmalz“, denn „ab sofort muss Ihr Vierbeiner nicht länger traurig zugucken, wenn Sie Ihr wohlverdientes Feierabendbier genießen“ – ein Sixpack 0,33-l-Flaschen kostet 12,99 Euro, also gerade mal doppelt so viel wie das Humanpils von der Tanke. Alles bei Fressnapf.
Womit sich das Lachen verbietet, denn Fressnapf ist sozusagen der Irische Wolfshund unter den Tierbedarfsläden – und hat den Riecher eines Schweißhundes, was die Bedürfnisse der Hundkatzemaus- Besitzer angeht. Die Branchenregel lautet: Was Fressnapf anbietet, wird gekauft. Angefangen hat Gründer und Inhaber Torsten Toeller 1990 mit einem kleinen Laden in Erkelenz, jetzt umfasst sein Imperium allein in Deutschland 761 Filialen mit über 6.000 Mitarbeitern. Das Erfolgsprinzip: raus aus der Schmuddelecke mit Futter & Co – her mit hellen Läden und breiten Gängen, freudigem Personal und einer Auswahl, dass jedem Erstbesucher die Ohren schlackern. Im Jahr 2009 verzeichneten die deutschen Fressnapf-Läden ein 9 Prozent Wachstum und machten Umsatz von 830 Millionen Euro.

Der neueste Trend: XXL-Fressnapf-Läden mit über 1.200 Quadratmetern und integriertem Komplettservice, also Tierarzt, Hundefriseur, Tierversicherungsagentur gleich dabei – elf solche Übergroß-Fressnäpfe gibt es bereits in Deutschland, 200 sollen es werden. „Tierbesitzer achten auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht so sehr auf das Geld“, lautet Toellers Erfahrung. Und: „Das menschliche Ernährungsverhalten wird auf die Tiernahrung übertragen. Der Mensch hat die Auswahl zwischen 30 verschiedenen Sorten Mineralwasser oder Wurst und wünscht sich für seinen Hund eine ähnliche Vielfalt – denn der Hund ist ein vollwertiges Familienmitglied.“

Für diese Vielfalt ist gesorgt. Das lässt sich beispielhaft in der Alsa-Hundewelt besichtigen, einem der Marktführer bei Premiumtierfutter. „Für den besten Freund des Menschen“, lautet das Alsa- Motto. Passender wäre allerdings: „Für den Hund nur das Beste“. Im Katalog findet sich Spezialfutter für kleine, mittelgroße, große Hunde sowie für junge und alte, außerdem für junge große und junge kleine, übergewichtige, besonders aktive, empfindliche und extrem empfindliche. Als „köstliche Alternative“ empfiehlt sich das Alsa-Natur-Lachs-Soßenmenü: „Nach nur fünf Minuten Einweichzeit wird der spezielle Krokettenmantel zu einer raffiniert cremigen Soße – ein kulinarischer Hochgenuss“. Die „Natur“-Reihe gibt es in den Geschmacksrichtungen „Ente mit Parmaschinken und Spinatravioli“ und „Rentier mit Vollkornnudeln“. Nicht zu vergessen die Leber-, Seefisch-, Lamm-, Pansen-, Wild-, Kaninchenwurst. Allein auf 29 Seiten präsentiert Alsa „Kauartikel & Knabbereien“ sowie „Hundekuchen“: Känguruh-Happen (Kilopreis: 72,50 Euro), Streifen von argentinischem Rindfleisch (62 Euro) und „Hirsch-Kreisel“ aus handverlesenen Sehnen (93,50 Euro) sowie nicht zuletzt die „2-m-Lammwürstchen“ („Der Traum jedes Hundes – eine scheinbar endlose Würstchenkette!“). Dazu Wildtrüffel, Parmaschinken-Drops und Bananen-Rosetten.
Da aber die Kundenhunde trotz Lachsmenü und Kaninchenwurst mangelernährt zu sein scheinen, offeriert Alsa praktischerweise Nahrungsergänzungsmittel sonder Zahl in Form von Tabletten, Tropfen und Säften, unter anderem Grüne Meeresalgen, Biotin-Forte (so eine Art Merz-Spezial-Dragees für den Hund, die gegen Ekzeme, Juckreiz, Schuppen, Haarausfall und glanzloses Fell helfen sollen), Lachsöl, Nachtkerze, Mistel-Weißdorn, Dorsch-Lebertran, Bio-Complex-Anti- Stress, Arthro-Gelatine, Lippenmuschel, Enzym-Ferment-Getreide, Natur- Moortränke, Gingko-Ginseng.

Lachhaft, natürlich. Zumal „sehr gutes“ Hundetrockenfutter laut Stiftung Warentest 9/2006 ab 18 Cent pro Tagesration zu bekommen ist: Alnutra High Premium von Aldi Nord und Maximus High Premium von Aldi Süd (inzwischen ersetzt durch „Romeo High Premium“; jeweils 2,99 Euro für 3 Kilo). Damit kostet die Ernährung eines mittelgroßen Hundes 65 Euro im Jahr – so viel, wie man bei Alsa für anderthalb Pfund Sehnen bezahlt. Aber hier geht es eben nicht um Vernunft, sondern um Zuwendung. Wer seinen Hund für ebenbürtig hält, wenn nicht sogar für überlegen, der füttert ihn auch so. „Viele Menschen ernähren ihren Hund weit aufwendiger und teurer als sich selbst“, hat Professor Hansjoachim Hackbarth beobachtet, Leiter des Instituts für Tierschutz und Verhalten der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Diese Kauerhaltung vor dem Hund findet man beispielhaft klar in der sogenannten Philosophie eines Futterfabrikanten zusammengefasst: „Kein Hund hat es verdient, wie ein Mensch behandelt zu werden.“

Dazu passt die „Hausmannskost für Hunde“ des Herstellers Terra Canis („Welt des Hundes“), die in einer oberbayerischen Metzgerei ausschließlich aus Fleisch deutscher Herkunft hergestellt wird, Lebensmittelqualität hat und für den menschlichen Verzehr geeignet ist; was die Firmeninhaberin, Birgitta Ornau, Journalisten gern demonstriert, indem sie selbst ein Löffelchen „Rind Menü mit Gemüse, Apfel und Naturreis“ oder „Pute Menü II mit Buchweizen und Löwenzahn“ zu sich nimmt. Das Geschäft mit der Hundewelt in Dosen brummt: Im ersten Geschäftsjahr 2005 hat Ornau 50.000 Euro Umsatz gemacht, im Jahr 2008 bereits 1,3 Millionen Euro, 2009 über 2,4 Millionen.

Jede menschliche Vorliebe und Glaubensrichtung findet beim Hundefutter ihren Niederschlag: Der eine Hersteller verarbeitet nur Gemüse von Demeter, der andere ausschließlich Bio-Fleisch, wobei der Begriff „Bio“ bei Tierfutter nicht geschützt ist, also beliebig verwendet werden darf. Natürlich finden sogar Vegetarier und Veganer Beistand, die auch ihre Hunde entsprechend ernähren möchten. Da gibt es Websites, Kochbücher, Snacks (etwa die Mais-Happen „Amí Croky vanilla“ – „vegan Stufe c nach den Kriterien von vegan.de“), vegetarisches Dosenfutter von Biopur. Bei diesem bekommt der Käufer sogar eine schneidige Argumentation mitgeliefert, warum er seinem Fleischfresser-Hund Dinkel und Sojagranulat antut: „Ausschließlich vegetarische Ernährung von Hunden ist unnatürlich. Unnatürlich ist aber auch, dass Hunde in einer Wohnung leben oder eine Leine um den Hals tragen.“

Allein 2009 haben Deutschlands Hundebesitzer über eine Milliarde Euro für Futter ausgegeben, meldet der Industrieverband Heimtierbedarf (IVH), 2,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Und das, obwohl die Anzahl der in Deutschland lebenden Hunde seit geraumer Zeit mit etwa 5,5 Millionen gleich bleibt. Und: „Der Umsatz mit Hundenahrung ist tatsächlich noch höher, weil der IVH viele kleinere und regionale Hersteller sowie all das nicht erfasst, was Hundebesitzer an Futter direkt beim Schlachter kaufen“, sagt Frank Weber, Inhaber von Hundemaxx in Nürnberg, dem größten deutschen Fachmarkt für Hunde. „Der Trend geht dabei eindeutig zu höherwertigem Futter – die Leute geben mehr für ihren Hund aus als früher.“ Seit drei Jahren gibt es Hundemaxx; in jedem stiegen die Umsätze, 2008 um 22 Prozent, 2009 um 24 Prozent. Besonders wichtig: die Weihnachtszeit. Weber: „Adventskalender für Hunde verkaufen sich wie warme Semmeln, ebenso Hundegeschenkkörbe mit Beißspielzeug und Hundeweihnachtsplätzchen, verpackt in Zellophan. Dass die Hunde ihre Geschenke selbst auspacken oder vorher sogar selber aussuchen, gehört für viele Hundebesitzer einfach zum Weihnachtsritual.“ Dazu passt, dass eines der beliebteren Diskussionsthemen in Hundeforen ist, was man dem Tier zum Geburtstag schenken soll. Zitat „Annalein“: „Der Feine hat ja übermorgen Geburtstag. Da hab ich ihm heute ein Spielzeug und einen richtig geilen Parmaschinkenknochen gekauft.“

Allein für das, was der Industrieverband Heimtiere „Snacks“ nennt, haben die Deutschen im vergangenen Jahr 308 Millionen Euro spendiert. Wer dabei an Chips mümmelnde Hunde im Couchpotato-Modus denkt, liegt gar nicht so verkehrt – denn „Snacks“ sind all die unnötigen, oft sogar schädlichen Kalorienbomben, die Rex & Co über ihr Futter hinaus bekommen. Da kennen Phantasie der Hersteller und Kauflust der Hundebesitzer keine Grenzen: „Deutschlands feinste Hundekeks-Bäckerei“ Jeffo’s wirbt mit „Cookies für Feinschmecker-Hunde“ vom „Gemüse-Häschen“ („Diese Häschen darf Ihr Hund bedenkenlos täglich jagen“; 250 Gramm für 5,10 Euro) über „Kräuter-Kätzchen“ (4,90 Euro) bis zu „Honig-Teddys“ (4,50 Euro). Die Hundekonditorei Lehmann offeriert Lachstrüffel (250 Gramm für 8,90 Euro), petplus wirft „Chick’n Sushi“ aus Huhn und Fisch ins Rennen (85 Gramm für 2,79 Euro). Und das ist nur die Spitze des Keksbergs – nahezu alles, was Feinkostgeschäfte für Menschen feilbieten, gibt es ebenfalls in Hundeversion. Selbstverständlich auch schon entsprechende Kochbücher, deren Titel da lauten „Tierisch gute Hunde- Snacks: So verwöhne ich meinen Hund“ und „Sitz, platz, Plätzchen – Backen für den Hund“.

Intermezzo: Fette Fiffis

„30–50 Prozent aller Hunde haben Übergewicht, Tendenz steigend“, konstatiert Ellen Kienzle, Professorin für Tierernährung an der Universität München. Die Folgen der Fettleibigkeit: Gelenkprobleme, Arthrosen, Herzleiden, Nierenversagen, Diabetes, Kurzatmigkeit, Bluthochdruck, Krebs. Kurzum: Dicke Hunde bekommen all die vom Menschen bekannten Wohlstandserkrankungen – und haben eine um mindestens 20 Prozent gesunkene Lebenserwartung, von ihrer Lebensqualität zu schweigen.
„Im Langzeitversuch hat sich gezeigt, dass übergewichtige Hunde nicht an bestimmten Erkrankungen sterben, sondern einfach alle Erkrankungen früher und stärker bekommen, die ein Hund sowieso bekommt“, sagt Prof. Kienzle. „Manche Hunde sind so fett, dass sie einfach nicht mehr laufen können, dann muss man sie einschläfern lassen. Überspitzt formuliert, ließe sich sagen: Wer seinem Hund vom Chef erzählt und ihn mit ins Bett nimmt, nutzt ihn emotional aus und wird ihm meistens auch zu viel zu fressen geben“, sagt die Expertin. „Der Hund wird schließlich nicht mehr als Hund wahrgenommen, sondern als Mitmensch. Fressen ist die einfachste Art der Kommunikation und geht immer, das möchte man sich und dem Hund gönnen.“ Mit dem zu futtern natürlich mehr Spaß macht, als dies allein zu tun, zumal man es sich jederzeit als „faires Teilen“ schönreden kann.
Kienzle: „Mit Futter werden Hunde oft richtiggehend ruhiggestellt – das ist wesentlich einfacher und bequemer als ihre wahren Bedürfnisse zu befriedigen, nämlich die nach Bewegung und Spiel. Im Grunde ist es ein schlechter Witz, dass ich den Hund, den ich ja unter vollkommener Kontrolle habe, nicht angemessen ernährt bekomme. Was sie mit ihrer Überfutterung anrichten, ist vielen Hundebesitzern nicht klar. Die meisten sagen aber, sie würden es nicht übers Herz bringen, weniger zu füttern, weil sie ihr Tier so lieben.“

von Robert Saemann-Ischenko
Anmerkung der Redaktion: Im Heft hat sich beim Namen des Autors ein Buchstabendreher eingeschlichen. Richtig heißt er Robert Saemann-Ischenko. Wir bitten um Entschuldigung.