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WIR WALDDEUTSCHEN

„Irgendwie blöd“, „irgendwie hübsch“ – der
röhrende Hirsch ist aus Kneipen und
Wohnzimmern einfach nicht wegzukriegen.
Heute symbolisiert er das Spannungsfeld
von Metropole und Provinz, von Trash-Kultur
und Volksmusik.


Alle kennen ihn. Selbst jene, die altdeutsch eingerichtete Kneipen meiden und auch keine traditionsseligen Großeltern besitzen, haben ihn schon mal gesehen: den röhrenden Hirsch. Natürlich nicht in freier Wildbahn, und selbst aus einem Haus im Wald ist er nur selten zu erblicken. Doch es geht ja auch nicht um das Tier als solches, sondern um seinen Symbolgehalt. Er ist eines der beliebtesten Bildmotive der Deutschen, beinahe so wie Maria oder Jesus. Er ist gewissermaßen eine Nationalikone. Der röhrende Hirsch hängt im ganzen Land an Kneipen- und Wohnzimmerwänden, und zwar völlig unabhängig davon, ob der Landstrich dicht bewaldet ist oder in ihm eher kein Rotwild zu finden wäre. Er war eine Zeit lang weniger oft zu sehen, doch in den letzten Jahren ist er wieder da.

Sein jüngster Wiedergänger, der „Jägermeister“-Hirsch, der von der Wand herabspricht, ist wiederum eine Ikone der Fernsehwerbung – und zwar eine widersinnige: Wie der röhrende Hirsch hat auch der „Jägermeister“-Hirsch, der eigentlich eine Jagdtrophäe ist, jene charakteristische Hauchfahne vor dem Maul, die er unbedingt dazu braucht, um 
selbst noch als diese Trophäe – und als eigentlich also Unterlegener – von der Wand herab Autorität dem Likörtrinker gegenüber zu zeigen.
Der röhrende Hirsch ist ein Bild der Potenz. Männlichkeit, Lendenkraft und Macht fallen hier bildlich in eins. Zudem wird dem Betrachter vermittels umgebender Wald- und nicht selten auch Berglandschaft die Heimat nahegebracht, wiederum als Kraftquell. Wie schrieb einst noch Elias Canetti so wahr und klar: „In keinem modernen Land der Welt ist das Waldgefühl so lebendig geblieben wie in Deutschland. Das Rigide und Parallele der aufrecht stehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllen das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude.“ Und der brünftige Hirsch mittendrin, der uns Walddeutsche stärkt mit seiner Kraft!

Der Hirsch ist auch ein religiöses Symbol. Als der heilige Eustachius, der zwar nicht ganz so populär wie St. Hubertus, doch ebenso ein Schutzpatron der Jäger ist, noch nicht heiliggesprochen war, begegnete er der Legende nach Ende des ersten Jahrhunderts einem Hirsch, zwischen dessen Geweihstangen ein leuchtendes Kreuz schwebte, und die Stimme Christi sprach ihn an. Durch dieses Gotteszeichen soll Eustachius, der damals noch Placidus hieß, zum Christentum bekehrt worden sein – ganz ähnlich wie rund 600 Jahre später Hubertus von Lüttich. Der Hirsch also kann auch ein Sendbote Gottes sein, und das Bild hat sich bis heute in Gastrowesen und Supermarkt erhalten, denn es ist das Markenzeichen des „Jägermeister“-Likörs.
Als martialischer und kräftiger Patriarch im Rudel ist der Hirsch in unzähligen Beschreibungen stilisiert. Er ist gewissermaßen der Löwe unter den Vegetariern der deutschen Fauna. Und als solcher brüllt er seinen Trieb in die Welt. Dieses Bild haben Hunderte deutscher Kunstmaler seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts produziert, und diese Bilder wiederum wurden tausendfach als Kunstdruck verkauft – übrigens, als der Hirsch noch stilbildend war, durchgängig an ein politisch konservatives Publikum. Wer sich ein solches Bild im schweren Rahmen über das Sofa hängte, wer unter dem Hirsch seine Stammtischfreunde zum Zechen traf, der wollte die Kraft, den Waldgott und die deutschen Lande preisen.

Heimatverbundenheit und Traditionsbewusstsein mögen nicht nachgelassen haben – aber heute macht der röhrende Hirsch diese Überzeugungen lächerlich, fürchten seine heimlichen Freunde. Dies ist aber nicht etwa, wie sie annehmen, ein Sieg linksliberaler Ideologie, sondern begründet in der Veränderung des Zeichenspiels. Der Frankfurter Karikaturist F. K. Waechter zeichnete Mitte der 1970er-Jahre ein rundes Dutzend Röhrhirschbilder, dazu gehört der Text: „Noch nie in seinem ganzen Leben hat sich der Hirsch so übergeben wie gestern bei seinen Schwestern“, und auf dem Letzten der Bilder kotzt der Hirsch denn auch. Waechter konnte noch sicher sein, die Heimatverbundenen mit dieser Bildfolge ins nationale Mark getroffen zu haben. Doch das ist mit dem Siegeszug des Trash-Humors seit den Achtzigern nicht mehr möglich. Selbst wer den röhrenden Hirsch mit allem Ernst an seine Wand gehängt hat, kann sich unschwer davon distanzieren, seit Gesinnungen nur noch mit einer großen Portion Ironie vorgetragen werden.

Diese Gesinnungen und ihre Werte sind weiterhin gültig. Man kann sie aber zeitweilig ablegen, wenn sie unpassend erscheinen. Dies ist die Mentalität des Provinzlers, der nicht sagen will, woher er kommt. Dabei hat die Provinz seit 20 Jahren ihren natürlichen Gegner, die Großstadt, überwältigt. Kolja Mensing beschreibt in seinem Buch „Wie komme ich hier raus“, wie die Love-Parade, in Berlin als Selbstdarstellung der städtisch geprägten Techno-Szene entstanden, Ende der 90er-Jahre „zum zentralen Schützenfest der Nation“ wurde, „zu dem ein Großteil der Gäste mit Sonderzügen aus der Provinz gefahren kam.“ Selbstredend war die Marke „Jägermeister“ aus Wolfenbüttel in Niedersachsen mit von der Partie. Und mit einem Mal findet sich das Motiv in den In-Lokalen von München, Hamburg und Berlin wieder an der Wand, natürlich für Zugereiste, natürlich „ironisch gebrochen.“

Sprechen Sie mit den Betreibern diese Lokale nicht über das Wort „Heimat“! Sie könnten erschrecken. Der Kunstdruck vom röhrenden Hirsch an der Wand ist zugleich die Parodie auf ein altbackenes Deutschland und der Ausdruck einer Sehnsucht danach. Das scheinbar sinnentleerte Zeichen, das ebenso scheinbar keine Waldliebe vermittelt, steht für die diffuse Natursehnsucht des Urbanen und eine Rückkehr just jener Werte, die F. K. Waechter vor fast 40 Jahren überwunden sah. Die Modernisierung des einstmaligen Wertekatalogs verabschiedet die Moderne selbst. Das Alte kommt auf neu getrimmt aus dem Dunkel ans Licht wie der Hirsch auf die Lichtung. Sei es auf der Schnapsflasche mit Pop’n’Roll statt Marschmusik, sei es im alten Kunstdruck, der „irgendwie blöd“ ist, aber auch „irgendwie hübsch“. Auch wenn der Hirsch pink ist und das Laub der Bäume blau – das Motiv bleibt. Wir sehen es mit Unruhe.

Von Jörg Sundermeier
Jörg Sundermeier ist Autor und Mitbegründer des Verbrecher-Verlages, Berlin